9.04.2014

J. Barnickel: Teilzeit – und doch keine Zeit und auch noch weniger Geld

Teilzeit – und doch keine Zeit und auch noch weniger Geld

 

1. Teilzeitarbeit – ein geschaffenes Arbeitsverhältnis für Frauen

 

Teilzeitarbeit ist noch immer eine Frauendomäne, denn über 80% der in Teilzeit Erwerbstätigen waren im Jahr 2011 Frauen (siehe Quelle 6). Frauen reduzieren oder unterbrechen ihre Arbeitszeit häufiger als Männer. Als Hauptgrund nennen 60% der Frauen in Teilzeit die Betreuung von Kindern und/oder die Pflege von Angehörigen sog. fürsorgliche, unbezahlte (ehrenamtliche)  Tätigkeiten, neuerdings auch „care“- Aufgaben genannt. Der Teilzeitbegriff ist nicht einheitlich festgelegt und ist an das zugrunde liegende Normalarbeitsverhältnis gebunden. Es gilt zu unterscheiden, ob das Dienstverhältnis eine Reduzierung der Vollarbeitszeit auf eigenen Wunsch ermöglicht, zeitlich begrenzt zulässt und die Entlohnung noch eine eigenständige Existenzsicherung sichert. Dies ist zum Beispiel bei Lehrerinnen im Beamtenverhältnis der Fall, die hier eine privilegierte Rolle unter den teilzeitarbeitenden Frauen einnehmen, da die Lohneinbußen der Teilzeit und die angestrebte Zeitentlastung der aktuellen Erwerbs- und Lebensbiographie individuell angepasst werden können. Viele  Frauen arbeiten aber in Berufen, in denen sie gezwungen werden, einen Arbeitsplatz mit geringerer Stundenzahl und geringer Bezahlung anzunehmen und sie deshalb noch einen weiteren Teilarbeitsplatz sprich „Minijob“ zur Existenzsicherung annehmen müssen oder nicht einmal ein Vollarbeitsplatz zur Existenzsicherung reicht. Nach einer Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Bundesamtes lag im Jahr 2012 der Anteil der teilzeitarbeitenden Frauen, die gerne mehr arbeiten würden bei 72 % (siehe Quelle 10).

 

Aussagen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) zur Teilzeit

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) von 2006 sieht in der Teilzeit eine mittelbare Benachteiligung (siehe Quelle 3). Mittelbare Benachteiligungen sind scheinbar merkmalsneutrale Verhaltensweisen, Gesetze, Politiken oder Praktiken, die für alle gelten. In der Praxis betreffen sie aber bestimmte Gruppen stärker als andere. Teilzeitarbeit im Vergleich zu Vollzeit schlechter zu bezahlen, betrifft scheinbar alle Menschen gleichermaßen; de facto benachteiligt sie aber Frauen, die statistisch häufiger als Männer in diesem Arbeitsverhältnis zu finden sind.

 

Vergleiche erwerbstätiger Frauen mit und ohne Kinder (siehe Quelle 2)

Unter den erwerbstätigen Frauen gibt es laut Statistik  vom Juli 2013  einen Unterschied zwischen Frauen ohne Kinder und Frauen mit Kindern.

Eine 28 jährige Frau ohne Kind                        ist zu 79% erwerbstätig

Eine 28 jährige Frau mit Kind (Mutter)         ist zu 40% erwerbstätig

 

30/40 jährige Frauen ohne Kinder                 sind ca. 80% erwerbstätig

40/50 jährige Frauen mit Kindern                  sind ca. 70% erwerbstätig

 

Vergleiche zwischen Müttern und Vätern (siehe Quelle 2)

60% der Mütter und 84% der Väter mit mindestens einem im Haushalt lebenden minderjährigen Kind waren 2010 aktiv erwerbstätig. Auch wenn sich Väter heute in einem etwas größeren Maß an der Kindererziehung auch durch Auszeiten oder Reduzierung ihrer Arbeitszeit beteiligen, bleibt die Hauptverantwortung und die Reduzierung der bezahlten Erwerbstätigkeit weitgehend den Müttern überlassen.

 

Erwerbstätige Mütter und Väter in Teilzeit (siehe Quelle 7)

Etwa 70% der erwerbstätigen Mütter zwischen 15 und 64 Jahren arbeiten auf Teilzeitbasis, bei den Vätern nur knapp 6%. Frauen arbeiten in Deutschland häufiger in Teilzeit als der europäische Durchschnitt, der 32% in der gleichen Altersspanne beträgt. Das liegt sicher auch daran, dass sich in Deutschland der sozial abwertende und diskriminierende Begriff einer erwerbstätigen Mutter als „Rabenmutter“ tief verankert hat und weiterhin gepflegt wird. Auch im Lehrberuf verhält sich der Anteil der teilzeitarbeitenden Mütter und Väter ähnlich wie in anderen Berufen – trotz ausreichendem Einkommen.

 

Auswirkungen für Frauen in Teilarbeitsverhältnissen

Die oben angeführten familiär bedingten Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitphasen führen u.a. zu deutlichen Lohneinbußen, verringerten Chancen auf Führungspositionen und zwangsläufig in die Armutsfalle im Alter. Außerdem bleiben dadurch traditionelle Strukturen der Arbeitsteilung im Privaten und im Erwerbsleben von Frauen und Männern erhalten.

 

Teilzeitbeschäftigte Lehrerinnen

Als Lehrerin ist es möglich, die vorgegebene Vollzeitstundenzahl (je nach Schulart und Fachbereich) verschieden zu reduzieren (siehe Quelle 7). Das Unterrichtsstundenmaß kann um wenige Stunden, zu 1/3, zur Hälfte oder unterhälftig z.B. auf 8-10 Stunden gekürzt werden. Da in den Grundschulen der Anteil der Lehrerinnen sehr hoch ist, gibt es hier auch eine hohe Zahl an weiblichen Teilzeitbeschäftigten und  zunehmend mehr die Gruppe der 8-12 Stunden Verträge. Die beantragte Reduzierung der Unterrichtsstunden führt jedoch nicht automatisch zu einer adäquaten Verringerung der Arbeitszeit und der angestrebten Entlastung im Erwerbsleben. Die außerunterrichtlichen dienstlichen Verpflichtungen ( Aufsichten, Springstunden, Projektwochen, Konferenzen, Schulveranstaltungen, Ämterübernahme, Schulentwicklung, Elternabende usw. ) bleiben bestehen. Zwar gibt der Arbeitgeber sog. „Soll“- , „Kann“- und „Ermöglichungs“empfehlungen für Teilzeitbeschäftigte heraus, doch davon bleibt für eine vorgesehene ausreichende Entlastung im Schulalltag gerade bei besonders zeit-und arbeitsaufwändigen Tätigkeitsbereichen kaum etwas übrig.

Die GEW Niedersachsen hat im September 2013 die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zu diesen Teilzeitproblemen herausgegeben, die ich im Folgenden vorstellen werde. (siehe Quelle 1)

 

 

2. Be- und Entlastungen familienbedingter Teilzeitlehrkräfte

 

Die Befragung bezog sich auf teilzeitbeschäftigte Lehrkräfte aller Schularten, die ihre Arbeitszeit aus familiären Gründen reduzierten. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Gruppe „Reduzierung der Unterrichtspflichtzeit um mindestens 1/3“, um bestehende Belastungen und Entlastungen besser aufzeigen zu können. Die Gruppe „ Reduzierung von weniger als 1/3“ diente als Vergleichsgruppe.

 

Verhältnis der Geschlechter

Bei einer Reduzierung der Unterrichtszeit von mindestens 1/3

gab es einen Frauenanteil   von  ca.  95%

und    einen Männeranteil    von ca.     5%

 

Bei einer Reduzierung der Unterrichtszeit von weniger als 1/3

gab es einen Frauenanteil     von ca.  83%

und     einen Männeranteil     von ca.  17%

 

Das Ergebnis deckte sich mit den allgemeinen Statistiken zur Geschlechterverteilung bei Teilzeitarbeitsverhältnissen. Des Weiteren wurde sichtbar: Je höher die Reduzierung der bezahlten Erwerbstätigkeit, um größer ist der Frauenanteil.

 

Entlastungen bei Dienstverpflichtungen außerhalb des Stundenmaßes

Diese Entlastungen wurden überwiegend beachtet:

  • Nicht weniger als zwei Stunden an einem Tag
  • Nicht Vor- und Nachmittag am selben Tag
  • Mindestens ein unterrichtsfreier Tag
  • Erleichterungen bei Aufsichten
  • Erläuterungen bei Ablehnung von Erleichterungen

Diese möglichen Entlastungen wurden wenig bis nicht beachtet:

  • Erleichterungen bei Springstunden ( hier gab es Unterschiede je nach Höhe des Teilzeitanteils )
  • Rücksicht auf individuell passenden Unterrichtsbeginn und Unterrichtsende
  • Erleichterung bei Elternsprechtagen
  • Erleichterung bei Schulveranstaltungen / Klassenfahrten
  • Erleichterungen bei Konferenzen
  • Erleichterungen schulinternen Fortbildungen

Ergebnis: Trotz vorliegender Soll-, Kann- und Möglichkeitsbestimmungen wurden Erleichterungen bei außerunterrichtlichen Tätigkeiten, die in den letzten Jahren sowieso extrem zugenommen haben und einen anstrengenden und zeitraubenden Teil der Arbeit ausmachen, nur zum Teil umgesetzt.

 

Gewähren und Umsetzung von Erleichterungen

Die Auswertung der Freitexte ließ eine grobe Unterscheidung von drei Typen zu:

Die Zufriedenen

Bei diesen Kolleginnen und Kollegen  wurden die meisten oder alle Entlastungsbedarfe erfüllt. Festzustellen waren folgende positiven Bereiche:

  • Ein Stundenplan mit sehr viel Rücksicht
  • Ein solidarisches Kollegium
  • Eine flexible und unbürokratische Schulleitung

Auch wenn diese Gruppe klar in der Minderheit war, zeigte es sich doch, dass dies strukturell im Alltag möglich war.

Die Entlastungen mussten erkämpft werden

Bei diesen Kolleginnen und Kollegen musste eine Entlastung erst mühsam erkämpft werden, was wiederum Zeit- und Kraftreserven in Anspruch nahm.  Entlastungen gab es :

  • Erst auf deutliche Nachfrage
  • Nach langwierigen, aufreibenden Auseinandersetzungen
  • Nur durch eigene Hartnäckigkeit
  • Nur aufgrund von Unterstützung von Personalräten, Frauenbeauftragten
  • Erst durch Pochen auf Rechte

Die Empörten

Diese Kolleginnen und Kollegen waren höchst unzufrieden, denn

  • Die Schulleitung zeigte keinerlei Erleichterung und Akzeptanz
  • Das Kollegium hatte kein Verständnis ( Mehrarbeit, Sonderwünsche)
  • Sie empfanden große Ungerechtigkeit:  Weniger Geld – mehr Arbeit
  • Es ergaben sich bei ihnen berufliche und private Planungsunsicherheite

Fazit: Die Sollbestimmungen des Teilzeiterlasses wurden vor allem bei außerunterrichtlichen Arbeiten nur in ungenügendem Maß selbstverständlich umgesetzt.

 

Zusammenfassung

Ziel der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kann nicht sein, die Bedingungen der Teilzeitarbeit künftig so zu gestalten, dass noch mehr Frauen in Teilzeit arbeiten und somit finanziell und beruflich benachteiligt werden. Doch solange auch die neue Arbeitszeitverordnung in aktueller Form gilt und Kolleginnen und wenige Kollegen in Teilzeit arbeiten wollen oder müssen, muss der Teilzeiterlass u.a. dahingehend angepasst werden, dass Sollbestimmungen in verbindliche Ansprüche umformuliert werden.

 

Arbeitsbelastungen in Voll- und Teilzeitarbeitsplätzen

Es ist weiterhin nötig, dass Arbeitsbelastungen in allen Arbeitsverhältnissen  reduziert werden, so dass auch bei einer Vollzeitbeschäftigung die Vereinbarkeit mit Familie und anderen Lebensbereichen ermöglicht werden kann. Die paritätische Übernahme von Verantwortung beider Geschlechter in Familien- und Pflegearbeit und anderen Bereichen, würden  Frauen weniger in Teilzeitarbeit zwingen. Dies ist nicht nur durch gesetzliche Bestimmungen  zu regeln, sondern bedarf weiterhin eines Umdenkens und Umwandelns der Geschlechterzuordnungen bei der Verteilung und Erfüllung der bezahlten und unbezahlten Arbeit.

 

Rechtsanspruch auf Vollzeitarbeit

Lehrerinnen und Lehrer können nach selbst gewählten Teilzeit- oder Auszeitmodellen wieder zurück in die Vollarbeitszeit. Dies ist nicht für alle teilzeitarbeitenden Frauen  in anderen Berufen möglich. Deshalb ist eine wichtige aktuelle Forderung für alle Berufe der Rechtsanspruch auf Vollzeit nach Teilzeitarbeit. (siehe Quelle 5 / S. 13)

 

 

3. Zeit für Utopien

 

Arbeit neu denken und anders gestalten    -   Ingrid Kurz-Scherf

Mit der Frage „Wem gehört die Zeit?“ hinterfragte Dr. Ingrid Kurz- Scherf bereits 1987 das bestehende Normalarbeitsverhältnis für Männer und das Teilarbeitsverhältnis für Frauen. Damit brachte sie sehr viel Unruhe, aber auch neue Ideen in die Diskussion um einen männlich geprägten Arbeitsbegriff und um  gerechtere Arbeitsverteilungen in Bezug auf bezahlte – unbezahlte,  öffentlich –  private und gesellschaftlich notwendige Arbeit. Wie die Statistiken zeigen, hat sich daran in der patriarchalen Geschlechterverteilung bis heute nicht wesentlich etwas geändert. Inzwischen forscht sie als Professorin für Politikwissenschaft mit den Schwerpunkten Politik und Geschlechterverhältnisse, Zukunft der Arbeit und Politische Ökonomie in Marburg. Sie stellt weiterhin  fest, dass die Ausweitung des Niedriglohnsektors und geringfügig, kurzzeitiger befristeter Beschäftigung auch heute vornehmlich Frauen betrifft. In ihren letzten Büchern (siehe Quelle 8) entwickelt sie deshalb neue Ansätze für eine geschlechter-gerechte, demokratieförderliche und ökologische Arbeitskultur jenseits von Vollbe-schäftigung und Normalarbeit und erhebt die Forderung nach einer kürzeren Erwerbsarbeitszeit für alle.

 

 Die Vier- in- einem- Perspektive     –   Frigga Haug

Frigga Haug stellt in ihrer Vier-in- einem-Perspektive (siehe Quelle 9) Überlegungen an, bei denen es um Gerechtigkeit bei der Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen geht. Ausgehend von einer Systemanalyse entwickelt sie die Utopie eines neuen Gesellschaftsvertrages, der allen die Beteiligung in allen wichtigen Bereichen des Lebens öffnen soll. Die DGB Frauen des Bezirks Mittelfranken haben dies zum Internationalen Frauentag 2014 als aktuelle und zukünftige Forderungen übernommen:

ZEIT ( und Geld A.d.V.) FÜR ALLES, WAS WIR WOLLEN UND BRAUCHEN:

Erwerbsarbeit*Sorgearbeit*politische Arbeit*individuelle Entwicklung

Diese Forderungen gelten auch über den jährlichen Internationalen Frauentag hinaus.

 

Quellenangaben:

  1. Be- und Entlastungen familienbedingter Teilzeitkräfte an Niedersachsens Schulen, Nikola Borosch M.A., Hrsg. GEW Niedersachsen Sept. 2013  Wencke Hlynsdottir
  2. Zweiter Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
    Diskriminierung im Bildungsbereich und im Arbeitsleben, Berlin Juli 2013
  3. Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) 2006 -  § 3/2
  4. Beschlüsse der 23.Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen und –minister (GFMK) Magdeburg Sept. 2013
  5. DGB Broschüre „Frau geht vor“ – Juni 2013  S.13
  6. Pressemitteilung des Bayerischen Frauenrats zur Teilzeitarbeit   12/2013
  7. Ratgeber Arbeitsplatz Gestalten – einmischen – widersprechen  GEW Bayern´, Teilzeit und Beurlaubung mit Quellenangaben der Gesetze und Vorgaben der Tarifverträge
  8. Kurz- Scherf, Ingrid   Arbeit neu denken, erforschen, gestalten 2005
    Kurz- Scherf, Ingrid   Macht oder ökonomisches Gesetz? 2012
    Zum Zusammenhang von Krise und Geschlecht
  9. Haug, Frigga  Die Vier- in- einem Perspektive   Argument   2009
    Haug, Frigga  Nachrichten aus dem Patriarchat    Argument  2005
  10. ZWD  Zweiwochendienst  Nachrichtenportal Nr. 312 (2013) S.27

 

Judith Barnickel        

Lehrerin

Nürnberg

März  2014

                        

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