13.06.2013

Eine andere Schule ist möglich. Besuch der Reformschule Kassel und der Offenen Schule Waldau

Während der bayerischen Pfingsferien besuchten sieben KollegInnen die Reformschule Kassel und die Offene Schule Waldau

 

Eine andere Schule ist möglich

Lärmende Kinder, die durchs Schulhaus rennen, verschmutzte Toiletten, Essensreste auf dem Mensaboden, verzweifelte Lehrer, weil Schüler nicht zuhören: damit haben die Reformschule Kassel und die Offene Schule Waldau nichts gemein. Erstere hat ein Einzugsgebiet mit relativ gut situierten Familien, die andere liegt am Rande einer Plattenbausiedlung. Was die kommunalen Stadtteilschulen und Versuchsschulen des Landes Hessen eint? Die Pädagogik beider Gesamtschulen orientiert sich an der Individualität des Kindes wie am Prinzip der Inklusion. Dass dabei der Leistungsgedanke nicht auf der Strecke bleibt, zeigen nach der zehnten Klasse die hohen Übertrittsquoten in die Oberstufe der umliegenden Gymnasien.

Hört das ein Verfechter eines vielfach gegliederten Schulwesens, wird er ungläubig seinen Kopf schütteln und etwas wie von der Quadratur des Zirkels murmeln. Besuchte er diese Schulen, käme er aus dem Staunen nicht hinaus. Sieben Mitglieder des hiesigen Kreisverbands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fuhren in den bayerischen Pfingstferien nach Hessen, um die Reformschule Kassel und die Offene Schule Waldau von innen zu sehen. Sie hospitierten je einen Schultag im Fach- wie im Projektunterricht, erfuhren, was im Freien Lernen geschieht, sprachen mit Schülern und Lehrern. Hier ihr Bericht:

Die erste Begegnung: Fröhliche, aufgeschlossene Grundschulmädchen weisen uns den Weg zum Schuleingang der Reformschule. Von Annette Kaestner, einem Mitglied der Schulleitung, erhalten wir grundlegende Informationen über die Ganztagsschule mit rhythmisiertem Tagesablauf, die ihre gut 500 Schüler in vier Stufen und altersgemischte Lerngruppen mit je 24 Kindern aufteilt. Die Fünf-, Sechs- und Siebenjährigen sind in der ersten Stufe versammelt, die Acht- bis Zehnjährigen in der zweiten, die Zwölf- bis Dreizehnjährigen besuchen die dritte, die folgenden zwei Jahrgänge die vierte Stufe. Altersgemischte Gruppen erzwingen geradezu eine Vielfalt von unterrichtlichen Angeboten bis hin zur Individualisierung. So steht es auch im Schulprogramm. Integrationskinder, ob in der Sprachentwicklung verzögert oder körperlich behindert, werden seit 25 Jahren aufgenommen.

Projektunterricht als Fach

Ein Hauptaugenmerk der Reformschule liegt auf dem Projektunterricht, der als eigenes Fach fester Bestandteil der Stundentafel ist. Die Schüler erarbeiten hier verschiedene vorgegebene bzw. freie Themen aus dem natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen und erstellen eine Abschlusspräsentation. Wir sind von den Projektpräsentationen, etwa über Tierquälerei oder der Geschichte des Kakaos, von der ungezwungenen und gekonnten Vorstellung von Sechs- bis Achtklässlern begeistert, die zum einen rhetorisch geschickt agieren und zum anderen wie selbstverständlich auch technische Pannen und Zwischenfragen souverän meistern. Ein Schwerpunkt wird im Projektunterricht vor allem auf außerschulische Unterrichtsgänge, wie beispielsweise ein Besuch im Tierheim zur Recherchezwecken, gelegt. Die Schüler sollen überdies selbstständig Informationen sammeln und nicht nur auf die heute so beliebten Internetquellen zurückgreifen. Während der Erarbeitung findet eine ständige Rücksprache und Beratung mit der Lehrkraft statt, und die Schüler bekommen je individuelle Rückmeldungen zum Arbeitsfortschritt ihres Projekts. Außergewöhnlich erscheint uns vor allem die hervorragende Feedback-Kultur. Jeder der zahlreichen Feedback-Beiträge beginnt konsequent mit motivierendem Lob, enthält aber auch fundierte Verbesserungsvorschläge.

Leistungsförderung im heterogenen Klassenverband und soziales Lernen

Die besondere Art der Leistungsförderung geschieht auch im Englischunterricht. Beginnend mit der individuellen Wiederholung des Wortschatzes mit Hilfe von Wortkarteikästen, beantworten Schüler Fragen zu vier im Anforderungsniveau ansteigenden Dialogen zu Flohmarktsituationen. Zur Einstudierung eigener Verkaufsgespräche können die Schüler das Klassenzimmer verlassen und mit dem Gesprächspartner üben. Die frei vorgetragenen Dialoge überwiegen zahlenmäßig bei weitem die abgelesenen. Angenehm ist die jederzeit ruhige Arbeitsatmosphäre in und außerhalb des Klassenzimmers unabhängig vom jeweiligen Standort des Lehrers. Selbst bei der schriftlichen Feststellung des Kenntnisstands versteht sich der Lehrer als Helfer und nicht als Überprüfender.

In beiden Schulen wird uns der Eindruck vermittelt, dass Schüler und Lehrer respektvoll miteinander umgehen, ein starker sozialer Zusammenhalt existiert und eine Lernkultur gepflegt wird, in der Helfen zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Ob ein sprachbehinderter Schüler eine Rolle aus „Romeo und Julia“ übernimmt oder es bei einem anderen an der erforderlichen Fingerfertigkeit bei einer handwerklichen Tätigkeit mangelt: nirgendwo wird unterdrückt gelacht; stets wird unterstützt.

„Wir leben gleichsam mit den Kindern zusammen, so öffnen sie sich mit der Zeit, und wir erfahren mehr über ihr Elternhaus, ihre Sorgen und Nöte“, bekommen wir von einer Förderschullehrerin mitgeteilt. „Es liegt damit in der Natur der Sache“, ergänzt sie, „dass wir dann viel besser fördern und fordern können, die Leistungsschwächeren wie auch die –stärkeren.“

Beim Freien Lernen, das uns Außenstehenden schon wie eine Art Belohnung nach einem abgeschlossenen Projekt in der Offenen Schule Waldau vorkommt, erleben wir unmittelbar, wie ein Achtklässler, der mit seiner Arbeit schon so gut wie fertig ist, einem Mitschüler mit feinmotorischen Mängeln unaufgefordert hilft, eine Lenkung aus einem Bausatz in ein Fantasieauto einzufügen. Helfen sei selbstverständlich, auch mit Schwächeren in einem Kurs zusammen zu sein. Diese freie Zeit jetzt mit dem Wiederholen von Englisch- oder Lateinvokabeln zu verbringen, komme ihm nicht in den Sinn, bekennt der Schüler freimütig auf die provokante Frage, warum er nicht an sich denke.

Gleich, welches Produkt im Entstehen ist, ob ein Kleid aus Plastiktüten, ein Vogelhaus mit Landebahn, das Fantasieauto, eine Zeichnung, die arbeitende Mitschülerinnen zeigt – ein jeder Schüler kommentiert seine Arbeit am Ende der Doppelstunde vor den Mitschülern: der eine eloquent, der andere aufgrund sprachlicher Defizite ein wenig holprig. Dass die Pause längst begonnen hat, als noch präsentiert und Fragen gestellt werden, entgeht uns Besuchern, weil in dieser Gesamtschule kein Gong einen neuen Tagesabschnitt markiert und ein jeder Schüler bis zum Ende der Produktpräsentation aufmerksam ist.

Einzug der pädagogischen Vernunft

Vor 30 Jahren hingegen, als Gesamtschulen das gegliederte Schulwesen in sich durch äußere Differenzierung perfekt abgebildet und viel zu viele Lehrer in einem Jahrgang unterrichtet hatten, hatte auch Waldau mit einer Unzahl von Problemen wie lärmenden Schülerhorden zu kämpfen. Die Rückgewinnung der pädagogischen Vernunft, also Geborgenheit, Überschaubarkeit, stabile persönliche Beziehungen durch Regeln und Rituale, Wochenpläne, eine sanfte Differenzierung, durch Sozialflächen und Jahrgangsteams, brachte schnell eine Wende, berichtet der stellvertretende Schulleiter Rainer Schärer.

Normalerweise betreuen zwölf, dreizehn Lehrer einen Jahrgang, der aus etwa 150 Schülern, aufgeteilt in sechs Klassen, besteht. Schüler und Lehrer bleiben durchgängig von der 5. Jahrgangsstufe bis zur Entlassklasse zusammen. Soweit als möglich regelt jeder Jahrgang seine pädagogischen und organisatorischen Aufgaben selbstständig. Diese Jahrgangsstruktur gewährt für alle Überschaubar- und Verbindlichkeit. „Langsam und leise, friedlich und freundlich“ heißt das wohl kürzeste Schulprogramm. Kein lautes Wort ist auf den wohnlich gestalteten Sozialflächen zu hören. Um eine jede gruppieren sich die Klassenzimmer eines Jahrgangs. In einem Klassenzimmer haben sich um 8.15 Uhr schon sieben Kinder aus dem sechsten Jahrgang versammelt. Sie arbeiten munter und konzentriert zugleich an unterschiedlichen Aufgaben und beantworten freundlich unsere Fragen. Von 7.30 bis 8.45 Uhr können die Schülerinnen und Schüler der OSW „ankommen“.

In die Oberstufen von beruflichen und klassischen Gymnasien wie in Fachoberschulen treten weit mehr als je die Hälfte der Schüler beider Schulen über. „Das in der Reformschule ab der vierten Lernstufe erreichte Notenbild wird in den Oberstufen problemlos gehalten“, berichtet Annette Kaestner. Und Rainer Schärer von der Offenen Schule Waldau bekennt: „Natürlich hatten wir beim ersten Wechsel Angst, dass unsere Schüler scheitern würden.“ Ein wenig stolz fügt er hinzu: „Doch nach der Auswertung der Noten unserer Ex-Schüler an den Oberstufen, und das Fach für Fach, war uns die Angst genommen. Unsere Waldau-Schüler zeigen überdurchschnittliche Erfolge im Abitur.“

Noch jetzt, längst zurück in separierender bayerischer Schulwirklichkeit, klingen uns Sätze wie diese in den Ohren: „Die methodischen Dinge sind uns wichtig und wie unsere Schüler lernen, das heißt natürlich weniger Stoff vermitteln.“ „Mal ehrlich, je einheitlicher eine Gruppe ist, desto schwieriger ist die Arbeit für die Lehrkraft, also bevorzugen wir heterogene Gruppen.“ Liegt es an ihrer praktischen Umsetzung, dass in beide Schulen viel mehr Kinder gehen wollen, als aufgenommen werden können?

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