8.02.2011

10-Jahres Bilanz der Lohnentwicklung

10-Jahres Bilanz der Lohnentwicklung

Bruttoverdienste pro Beschäftigtem zwischen 2000 und 2010 real um vier
Prozent gesunken

Die Löhne und Gehälter in Deutschland sind zwischen 2000 und 2010 weit hinter
den Gewinn- und Kapitaleinkommen zurückgeblieben. Die durchschnittlichen
Bruttoverdienste pro Beschäftigtem sind real – also nach Abzug der Inflation
- im vergangenen Jahrzehnt sogar gesunken: 2010 lagen sie um vier Prozent
niedriger als im Jahr 2000. Zu diesem Ergebnis kommt der Leiter des
WSI-Tarifarchivs, Dr. Reinhard Bispinck, im neuen Tarifpolitischen
Jahresbericht des WSI*. Sieben Mal, 2001 sowie in den sechs Jahren zwischen
2004 und 2009, mussten die Beschäftigten Reallohnverluste hinnehmen.
Lediglich in drei Jahren gab es reale Zuwächse, zuletzt 2010. Schwierige
wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die Deregulierung am Arbeitsmarkt haben
dazu beigetragen, dass sich die Bruttoeinkommen in den Nullerjahren schwach
entwickelten. So verstärkten die Hartz-Reformen, die das Arbeitslosengeld II
einführten und einen Boom bei der Leiharbeit ermöglichten, den Druck auf die
Verdienste. Der Niedriglohnsektor in Deutschland wuchs.

Deutlich besser sieht es bei der Entwicklung der tariflichen Löhne und
Gehälter aus, so Bispincks Analyse: Sie lagen am Ende des Jahrzehnts real um
knapp sieben Prozent höher als am Anfang. Allerdings blieb auch das Wachstum
der durchschnittlichen Tariflöhne hinter dem Anstieg von Produktivität und
Preisen zurück. Mit diesen beiden Komponenten definieren Ökonomen den so
genannten neutralen Verteilungsspielraum. Wird er ausgeschöpft, ist die
Aufteilung der Unternehmenserträge zwischen Inhabern und Beschäftigten
stabil. Steigen die Löhne langsamer, erhöht sich der Anteil der Unternehmer
am Ertrag.

Das ist im vergangenen Jahrzehnt geschehen, zeigt die Analyse: Während
Produktivität und Verbraucherpreise in der Summe um mehr als 28 Prozent
zulegten, stiegen die nominalen Tariflöhne um gut 24 Prozent. Nur in einigen
Branchen, etwa der Chemie- und der Metallindustrie, wurde der
gesamtwirtschaftliche Verteilungsspielraum bei den Tariflöhnen ausgeschöpft,
viele Wirtschaftszweige lagen hingegen deutlich unter dieser Marke. Und weil
zeitgleich die Tarifbindung sank, manche Unternehmen in wirtschaftlichen
Schwierigkeiten tarifliche Öffnungsklauseln nutzten oder Tarifsteigerungen
auf noch vorhandene übertarifliche Lohnbestandteile anrechneten, schlugen
Steigerungen der Tarife nur zum Teil auf die durchschnittlichen
Bruttoverdienste durch. Mit einem nominalen Anstieg von knapp 13 Prozent
zwischen 2000 und 2010 blieben diese um mehr als 15 Prozentpunkte hinter dem
Verteilungsspielraum zurück.

Zuwächse bei den Einkommen seien nur die eine Seite, wenn es um die
lohnpolitische Einordnung des vergangenen Jahrzehnts geht, betont
Tarifexperte Bispinck. So hätten beispielsweise die Gewerkschaften darüber
hinaus auch verschiedene qualitative Ziele verfolgt. Dazu zählten unter
anderem Verbesserungen bei Arbeitszeiten, bei der Aus- und Weiterbildung oder
Regelungen, die die betriebliche Altersvorsorge sichern und die
demographische Entwicklung in den Betrieben gestalten sollen. Und während der
Finanz- und Wirtschaftskrise gelang es, hunderttausende Jobs zu sichern.
Gleichwohl sieht der Wissenschaftler als charakteristisch für die vergangene
Dekade eine wachsende Ungleichheit bei der  Einkommensverteilung an. So
entwickelten sich die Unternehmens- und Vermögenseinkommen, die zwischen 2000
und 2010 um nominal 45 Prozent zulegten, fast dreimal so stark wie die
Arbeitnehmerentgelte. Diese wuchsen über das letzte Jahrzehnt lediglich um 16
Prozent.

*Reinhard Bispinck/WSI-Tarifarchiv: Beschäftigungssicherung und gedämpfte
Lohnentwicklung.

Tarifpolitischer Jahresbericht 2010:
http://www.boeckler.de/pdf/p_ta_jb_2010.pdf

Infografiken zum Download im Böckler Impuls 2/2010:
http://www.boeckler.de/32014_112483.html#link

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